Ashwin Purohit

Articles & Stories

Eine Hausschlachtung

Die folgende Erinnerung an meine erste Erfahrung bei einer traditionellen deutschen Hausschlachtung, ist eine grobe Annäherung der Wahrheit. Was genau geschah, verschwand einseitig im Nebel der Vergangenheit, oder wurde aus Respekt vor der Anonymität der Teilnehmer umschrieben.

1. Morgen

«Scheiße. Man. Verdammt. Scheiße.” Am diesen kalten Januartag schaue ich aus dem Fenster, es ist die späte Morgendämmerung. Ich bin schon wach, mein Schlaf war die letzte Nacht brüchig vor Erwartung und ich frage meine Frau, warum sie flucht. «Die Männer haben das Schwein wohl schon geschossen. Du hast die erste Phase verpasst.»

Vor allem ich. Meine Frau möchte dem Schwein beim Sterben nicht zusehen, also ihr Unbewusstsein hat sie verschlafen lassen. Ich andererseits wollte den ganzen Vorgang beobachten, bis aufs letzte, gruselige Detail, aber muss jetzt nehmen, was ich kriegen kann.

Wir reißen uns aus dem Bett und ich ziehe mich meine neue himmelblaue Jeans an. Meine Frau mustert mich und seufzt tief. «Die gute Hose kannst du weglassen. Sie werden so fettig durch den Tag, du müsstest sie nach ‘ner Stunde in den Müll. Komm mal ‘runter, die Männer haben bestimmt was für dich rumliegend.»

Unter dem Begriff «Männer» werde ich nicht mitgemeint, weder in diesem Fall noch in irgendeinem anderen hier, damit habe ich mich schon längst abgefunden. Die Würde, ein echter Mann zu sein, wird hier im Thüringer Dorf nur erst verliehen wenn man das Hämmern und Ernten beherrscht, und die mitleidigen Anblicke, die ich öfters hier bekomme, stammen von meinem Ungeschick mit Werkzeugen. Ich bin doch wer man hier gern als Intellektueller abtut: ein Kopfarbeiter, jemand der lieber liest als baut.

Wir rasen zweimal die Treppe runter in den Keller. Die Heizung brummt und die frisch verbrannten Birkspäne sengen die Luft. Ich könnte lange das Holz in der Werkstatt ihres Vaters romantisieren – die rotlackierte, stählerne Brennkammer, Holzspäne an jeder Stelle, die Unmenge wuchtiger Werkzeuge … aber meine Frau unterbricht mir den Tagtraum. Sie wirft mir eine zu große Ausstattung zu: Fleecepullover, khakifarbene Arbeitshose und schwarze Arbeitsschuhe, deren Zehentaschen mit trockenem Schlamm letzter Gärtnerei verdreckt worden sind. Ich fühle mich aber bequem in der räumigen Kleidung, bis ich sehe, dass meine Frau vor mir in ihren glänzenden kniehohen Gummistiefeln steht. «Es wird viel Blut geben» sagt sie sachlich. Blutdichte Kleidungsstücke sind am Schlachttag knapp.

Nur wegen unserer Eile fahren wir mit dem Auto zum Atelier meines Schwiegervaters, die sonst innerhalb fünf Minuten zu Fuß zu erreichen wäre. Ich halte kurz inne vor der kastanienbraunen Tür zur Werkstatt. Sie hat tiefe, quergeschnitte Furchen und einen siblrigen, neu polierten Griff. Das Tor zum Schlachten.

Ein Verflossener meiner Frau hatte das Gemetzel nie vertragen können, und ich frage mich ob ich, als Amerikaner und feinfühliger Informatiker, auch nicht lieber von dieser urdeutschen Tradition wegschauen möchte. Einmal geöffnet, dürfte man nur Schwanz zwischen den Beinen kehrtmachen.

Ich hatte mich aber vorher davon überzeugt, die Herkunft meines Fleisches verstehen zu wollen, wenn nicht auch mitschuldig darin zu werden. Also entriegele ich das Tor, und betrete den Hof, meine Frau folgt.

«Da seid ihr!» brüllt der Metzger willkommen. Es ist acht Uhr. Die anderen Männer ragen über dem Schwein, das jetzt auf der linken Seite liegt. Die starren, glasigen Augen des Schweins sind auf die Tür ausgerichtet. Auf mich. Es scheint keine Qual überlebt zu haben. Das Blut trieft in kleinen Rinnsalen über den Kopf. Der Metzger grölt. «Ich hab’s geschossen! Ich dachte, du willst es sehen, Junge! Wir haben auf dich gewartet!»

Ich wollte es doch sehen. Ich bin ja ebendeswegen nach Thüringen gestern Nacht mit dem Zug gefahren, aber wer hätte erraten, dass das selbstschützende Unterbewusstsein meiner Frau uns beide verpennen ließe? Tja, es muss erst später gereut werden.

Es wird jetzt gearbeitet. Ein allmählich lautwerwerdendes Gesumm durchdringt die Luft. Bevor die Blutrinnsale zu einem Bach werden, müssen wir an die Sache rangehen. Heute Morgen wird eine traditionelle Hausschlachtung im Freien durchgeführt, eine albewährte Methode, das Haus mit Fleisch für das Jahr zu versorgen. Das Schwein wird warm verarbeitet, und der kühle Januartag kann nur so viel tun, um das natürliche Verfaulen des Fleisches zu verlangsamen.

Ich stehe vor dem Schwein, unsicher, meine Hände in den Taschen gesteckt. Ich kenne mich schließlich nicht mit dem Schlachten aus und erwarte, dass jemand mir eine Arbeit anweist. Es ist jetzt aber zu hektisch, einen Laien bei diesem Schritt zu unterrichten, und die Männer lassen mich stehen. Heißes, kochendes Wasser wird eimerweise aus dem Keller geholt und auf die Haut geschüttelt, und im Nu schwärmen die Männer ums Tier und beginnen, es abzuhäuten. Mit langen, kehrenden Strichen kurz auf der Haut werden die durch das heiße Wasser biegsamen Borsten abgeschnitten. Die Männer drehen das Tier um, keine leichte Aufgabe angesichts seines erheblichen Gewichts: 225 bis 250 Kilogramm, schätzen sie, und beseitigen das steife Haar von dem Rücken.

Im Hintergrund rennen die Frauen hin und her. Abwechselnd holen sie leere Eimer, und leeren die Eimer, die auf dem asphaltierten Hof stehen, voller fettiges Wasser. Manchmal füllen sie sie mit kaltem Wasser, machmal mit heißem. Das Ganze hat sicherlich einen Sinn, aber ich erfasse ihn nicht. Mir scheint alles ein großes Wirrwarr zu sein.

«Schön glatt, geh? Meinst du wir haben es richtig gemacht?» lächelt mir der Metzger mit starkem Thüringer Akzent zu. «Ja, ich glaube, ehm, schon» stottere ich zurück. Ich bin ratlos, warum fragt der Metzge ausgerechnet mich, als wäre ich Schlachtoberseher. «O ja, dann dürfen wir sicherlich weitermachen!» scherzt er, als er sich umherguckt und den anderen zuzwinkert. Er ist munter. Zum Gluck ist er ein munterer Metzger, denke ich, die sternere Variante möchte ich nicht sehen.

Wie geölt schneidet der Metzger die hinteren Hufe bloß und ruft die Männer auf, das Schwein von den entblößten Sehnen, Kopf Richtung Erde, aufzuhängen. «Aber mal aufpassen», warnt er, der metallische Haken sollte um beide Sehnen umgehakt werden, sonst zerreißt die Sehnen und prallt das vierteltonnige Tier kopfüber auf den Boden. Bevor ich mir ausmalen kann, ob ein Schwein durch Kontakt mit Kopfstein eher zersplittern oder dumpf landen würde, ist das Tier schon aufgehängt worden. Das Blut rinnt schnell runter und sammelt sich in den Rissen zwischen den Kieseln an.

Die Frauen nehmen das sickernde Blut wahr, und fangen an, es mit geschwungenen Bewegungen aus dem Kopfsteinpflaster auszukehren. Sie kehren in Richtung Gitter, damit das Blut in die Kanalisation reinfließt, entleeren die Eimer voller Wasser danach auf den Hof, und kehren weiter. Sie lassen jede Spur von der rubinroten Flüssigkeit verschwinden.

Das festgebundene Schwein darf jetzt verarbeitet werden. Der Metzger zückt ein kleines Messer, fast ein Dolch, und beginnt das Schwein zu tranchieren. Er verschwendet kaum Energie dabei, anmutig schneidet er den Bauch offen, er will das Schwein ausweiden, die hochwertigen Organe aber vorsichtig aufbewahren. Ich schaue mesmerisiert an. Er schnitzelt behutsam das Fleisch, kerbt nie am falschen Ort, er benutzt die linke Achse des Schweins als Scheide für seinen Dolch, betrachtet die Anatomie des Tieres, schneidet weiter. Man könnte seinen gewissen ausgeübten Rhythmus lange zuschauen, wie in Trance.

Der Rausch dauert nicht lang, bevor eine Frau in großen Stiefeln direkt aufs Schwein zumarschiert. Sie ist die Fleischbeschauerin, und muss jetzt das Schwein kontrollieren. «Alle zur Seite stehen, bitte». Bei Tage ist sie Tierärtztin, und ich finde, es ist eine karmische Ausgewogenheit, beide Schutzengel und Bestatterin zu sein.

Ohne Umschweife packt sie die Lungen an und betrachtet die Adern, ob sie verfärbt sind, was bedeuten würde, das Schwein möglicherweise nicht geeignet für den Fleischkonsum wäre. Die Familie hat das Schwein anderthalb Jahre gezüchtet und gefüttert, und das auch mit feinstem Futter, nicht mit Müll und Maiskolben wie die Schweine in Massentierhaltungen.

Dementsprechend ist die Atmosphäre angespannt: eine große Investition hängt von dem Wort der Fleischbeschauerin ab. Sie fragt nach anderen Organen und handhabt sie sachte zwischen den Handflächen, dreht sie um, und gibt die dem Metzger zurück. «Alles gut», sagt sie letztendlich, und wir atmen hörbar aus. Sie schneidet ein Stück vom Schwein selber ab und tut es in eine Plastiktüte rein. Vielleicht ein kleines Erinnerungsstück? Hat sie eine schaurige Collage von Schweineteilen in ihrer Wohnung? «Das ist fürs Labor», korrigiert mich einer der Männer, als hätte er meinen Gedanken gelesen. Sie musst das Fleisch nochmal auf Trichinen und andere Erreger untersuchen. Bei positiven Befund müsste das Fleisch vernichtet werden.

Für den Augenblick bleibt sie vom Schweineleibe. Der Metzger dreht sich um and lächelt mir schalkhaft zu. «Hast du Durst?» fragt er, und zeigt mir ein angeschwollenes Organ. Ohne auf meine Antwort zu warten, macht er einen kurzen Stich darin und es zerplatzt wie ein Ballon.

Der Gestank saures Urins verschmort die Luft. «Ha. Stark, geh?» donnert er. Die Frauen riechen es und tauchen wieder mit Besen und Wassereimern auf und machen den Hof ruck, zuck sauber.

Der Metzger fängt wieder pfeifend an, diesmal hackt er gröber ins Schwein, teilweise mit der Axt, teilweise mit dem Beilmesser. Er befehlt den Männern, zu zweit das Schwein festzuhalten während er um die Stelle schneidet. Sobald sich das Fleisch vom Körper ablöst, trägt das Paar das Stück in die Werkstatt. Jeder Fleischbrocken ist verdammt schwer und glitschig, und wiegt zu viel, dass ein Mann ihn allein tragen könnte. Manche kleinere Teile landen direkt in eine Wasserkorb, um gekocht zu werden sobald der große Kessel heiß genug ist.

«Und, wer will jetzt die Scheißarbeit?» fragt der Metzger, diesmal meint er es buchstäblich. Die Männer versuchen es, von seinem Anstarren wegzuducken, aber er sucht einen aus und verurteilt ihn dazu, die Därme zu säubern. Er schneidet eine Grimasse, aber akzeptiert sein Schicksal. Ohne weitere Umstände trägt er das Darmknäuel weg vom Schwein, hält ein Stück Darm mit der rechten Hand hoch, klammert es mit der linken fest um, und lässt die Hand der aalglatten Oberfläche runtergleiten. Die Ausscheidungen plumpsen in den Korb. Man sieht ja, wie abwechslungsreich das Schwein gefüttert wurde. Die Kotschnur ähnelnt einem Zug mit Fahrzeugen verschiedener Farben, gallengelb bis kastanienbraun abgestuft. Der Verurteilte geht mit äußerst Sorgfalt weiter. Die Därme sind lang, und müssen mehrmals gewaschen werden, umgestülpt, und dann in einem Korb voller heißes Wasser aufbewahrt.

Die Frauen kümmern sich um die Entsorgung der Ausscheidungen. Es ist die undankbarste aller Aufgaben und in einem Dorf, wo die Männer-Frauentrennung immer noch herrscht, deswegen auch selbstverständlich, dass die Frauen diese Last tragen.

Meine Frau meint, in strengeren Kreisen werden Frauen gefragt, ob sie gerade ihre Tage haben. Nach altdeuscher Weisheit brächte die Aura einer menstruierenden Frau das Schweineblut zum Ausflocken und damit die gute Blutwurst verderben würde. Diesmal, vielleicht aus Vorsicht vor dem wahrscheinlich liberalen Gast, haben sie nicht gefragt. Alles sei sowieso in Ordnung, kommt meine Frau zuvor.

2. Pause

Der Metzger ist fast mit dem Schwein fertig. Er hackt den Kopf ab – es ist das köstlichste Fleisch, meinte er – und wir werden es gleich essen. Er löffelt das Hirn heraus und legt es in eine Schale, dann reicht den Kopf einer Frau ‘rüber, die ihn in den Kessel wirft. Nach kurzer Zeit wird der Kopf gekocht und hat der Brühe einen fettigen aber delektablen Geschmack verliehen.

Wir rücken einen alten Holztisch in die Mitte der Werkstatt und bedecken ihn mit einem Plastikläufer. Meine Schwiegermutter ist sogar nach Hause gegangen, um Brötchen, Besteck und frisch gekochten Kaffee zu besorgen, und jetzt stellen wir die Beilagen und größere Stücke Fleisch auf den Tisch. Rippchen, Lende, Hachse: die Unterschiede werden mir aufgezeigt, aber ich nehme sie kaum wahr.

Hauptsache, alles schmeckt. Und schmecken tut doch jedes Stück. Das Schweinefleisch bleibt warm und die Suppe kräftigt uns wieder auf die bevorstehende Arbeit. Es wird leicht geplaudert, aber meistens sind wir ruhig, hungrig und müde. Nach dem Essen, räumen wir alles mühsam auf. Mir unbekannt will der Metzger uns langsam wieder aufmuntern.

3. Schneiden

Auf Geheiß von dem Metzger, ziehen wir einen großen Holztrog hinter ihn. Er hat die großen Stücke Fleisch auf eine Holzbank aneinandergereiht, und schon angefangen, Fett vom Fleisch zu trennen. Er wirft die getrennte Fettstücke und Fleichstücke hinter sich. Wir sitzen am Trog und schneiden sie mit neugeschärften Messern in kleinen Würfeln. Nach fünf Minuten ruft er «Schnaps!» und plötzlich besorgen die Frauen uns allen mit Schnapsgläsern. Sie schenken uns einen süßen, zähflüssigen kirschroten Likör ein: selbstgemachten Johannisbeereschnaps.

Ich habe das Gesöff immer vermieden, die nüssige Variante vorziehend. Jedenfalls habe in keiner Weise die Gewohnheit, zehn Uhr morgens zu trinken. Der Metzger aber hat es befohlen und wird kein Nein akzeptieren, spürt man von seiner Ernsthaftigkeit. Die anderen Männer scheinen ihrerseits erleichtert zu sein, insonderheit der arme Darmreiniger, also prosten wir einander zu. Wir haben es vielleicht doch verdient.

Die Frauen schweißen Koteletten ein und kümmern sich um den Brei im Kessel, während wir weiterschneiden. Nach zehn minuten ruft der Metzger ein zweites Mal, «Schnaps!», und noch eine Runde wird eingegossen. Als wir dreißig Minuten erreichen, haben wir schon vier Schnäpse getrunken, und ich werde langsam benebelt.

Der Metzger spürt mein Zögern, nicht weiter zu trinken. «So wird’s nicht, Junge. Wer isst, der musst auch trinken!» witzelt er, als wäre diese Logik selbstverständlich. Ist doch ein Teufelskreis, aber ich gebe zu. Man muss mit den Wölfen heulen.

Trotz meiner Rammdösigkeit, fühle ich mich beim Schneiden nicht fehl am Platz, zum ersten Mal heute sogar nützlich. Im Gegensatz zu den anderen Dorfmännern, die von solcher Frauenarbeit zurückscheuen, bin ich ein guter Koch und sinngemäß geschickt mit einem Messer. «Ha! Ihr werdet sehen, ich kann doch was!» flüstere ich, mehr um mich selbst wieder zu ermutigen, als jemanden auf meine neue gefundene Tauglichkeit hinzuweisen. Ich bin angetrunken, und erinnere mich daran, dass alle mich bis jetzt freundlich geduldet haben, und dass ich mir diesen Kampf eingebildet habe.

Wieder beruhigt, schneide und schwatze ich noch eine Stunde, während die Frauen draußen alles saubermachen.

4. Wurstmachen

Ich erhebe mich kurz vom Trog und nähere mich dem Metzger an. Ich will ihn anquatschen, ich möchte wissen, woher er kommt, was er tut. Er ist ein rundlicher Typ, mit einer langen, sehr geraden Nase und fast perfekt runde Ohren. Silberne Haarsträhne bauscheln von unter seinem weißen Metzgerhut heraus. Er trägt eine weiße Schürze und ein weißes Hemd mit himmelblauen Nadelstreifen, als wäre er bei einer Eisdiele tätig. Er gestukliert mit einer Hand während er mit der anderen schneidet. Seine Finger sind kräftig und dick und geschmiert mit Fett. Er habe diesen Nebenberuf von seinem Vater geerbt, der hauptberuflich Metzger war, eklärt er mir, er selbst sei eigentlich anderweits in der Landwirtschaft tätig. Ich kann es kaum glauben, aber er hat das Schlachten und die Verarbeitung des Schweins als Nebenjob beherrscht.

Es war früher im Dorf gewöhlicher, eine Hausschlactung durchzuführen, sagt er. Durch die Jahrzehnte haben die Dorfbewohner allmählich aufgehört, das Ritual einzusetzen weil es Erfahrung, besondere Technik, Sorgfalt und viel Zeit voraussetzt. Der wahre Grund aber, meint er, ist das keiner mehr Blut an seinen Händen haben will. Leute, die heutzutage mit Computers großgeworden sind, wollen keine Tiere selbst töten, obwohl der Zwiespalt keine Schwierigkeiten beim Eikauf des Fleisches im Supermarkt darstellt. «Ich verstehe, warum Leute das nicht mehr machen. Ist aber doch eine schöne Tradition» sagte er. Und es stimmt: wenn ich Fleisch esse, sollte ich auch mindestens die Herkunft wissen, wenn nicht auch bei der Vorbereitung mitmachen.

Befriedigt mit seinen Antworten, gehe wieder an den Trog. Die Fleischstücke sind jetzt handgroße Würfel, und wir löffeln sie dem Trog raus, und füttern den Fleischwolf damit. Der Fleischwolf verdauuert die Menge zuverlässig und spinnt grobe Fleischscnüre heraus. «Halt aber den Finger weg!» warnen mich die Männer, und fangen plötzlich mit Schauermärchen an: der einer kennt so-und-so, wessen Finger vom Wolf zerquetscht wurde, der andere übertreibt weiter und sagt, der kennt aber einen, wessen ganze Hand einmal verschlungen wurde, alle fünf Finger auf einmal, und konnte nit mehr mit seinem Jung spieln.

Mir kann alles heute einreden. Ich gehe jetzt übertrieben vorsichtig mit dem Fleischwolf. Wir arbeiten zu zweit, der einer löffelt das Fleisch vom Trog in den Fleischwolf, der andere räumt den Trog auf und schirmt den Auslass der Maschine ab, sonst verspritzt der Wolf das Fleich in alle Richtungen.

Nach der ersten Runde der Verfeinerung, schalten wir den Mahlgrad des Fleischwolfs noch feiner, und führen den ganzen Fleischhaufen wieder ein. Jede Runde dauert etwa zwanzig Minuten, und wir müssen zwei Tröge voller Fleisch verarbeiten. Es dauert noch anderthalb Stunden bis die Stücke klein genug für die Wurst sind.

Ich frage meine Frau, ob sie nicht mitmachen will. Sie erklärt mir, dass den Frauen das Fleischschneiden und Wurstmachen nicht erlaubt ist. Wurstmachen ist eine besondere Ehre, heißt es, welche nur Männern zugeteilt wird. Ich kichere ein bisschen, als wäre das ein Witz, aber keiner widerspricht ihr. Es ist doch so, und sie geht wieder raus, leicht verärgert, um sich ums Putzen zu kümmern.

Aber mir, dem kompletten Neuling, steht die feine Kunst des Wurstmachens zu. In großen Plastikdosen liegen allerlei frischgeriebene Gewürze: Nelken, Kreuzkümmel, Weißer Pfeffer, und Selleriesalz unter anderem. Die Würste werden durch zwei Familien geteilt, und jedes Familienhaupt sollte jeweils bestimmen, was für Wurst er haben will. Der einer will mehr Blutwurst, der andere mehr Rotwurst – alles ist machbar, sagte der Metzger. Er schüttelt ganze Dosen Gewürze in den Trog, und sagt, wir sollten das Fleisch gut mit dem Gewürz mischen.

Wir arbeiten zu zweit und mein Partner rollt seine Ärmel hoch. Ich ziehe nach. Wir massieren das Fleisch armtief von der einen Seite des Trogs zur Anderen. Ich muss natürlich in die Lehre gebracht werden, und die Männer wechseln sich dabei ab, mir die effizienste Mischungsmethode zu erklären. In Wirklichkeit weiß sie keiner, und ein Spiel der Besserwisserei entseht. Zum Schluss meldet sich der Metzger zu Wort: die Methode ist doch egal, und wir schweigen.

Der Metzger holt eine Wurstpresse, was mir einem Folterinstrument aus dem 16. Jahrhundert ähnlich vorkommt. Der Zylinder wird erst randvoll mit Fleisch gefüllt, und eine kreisförmige Stück Schweinehaut wird darauf platziert, damit das gehackte Fleisch die Kolbe nicht berührt. Das Werkzeug braucht zwei Männer um bequem operiert zu werden. Der einer steht hinter dem Zylinder und dreht die Handkurbel, langsam wird das Fleich aus dem Ausflussrohr auf der anderen Seite ausgepresst. Der Metzger zieht einen Darm von heute Morgen über das Ausflussrohr, sagt abrupt «Stopp» wenn das Stück Darm mit genug Fleisch gefüllt wird. Dann, schneidet er einen Teil davon ab, und gibt die offene Wurst zu den zwei danebenstehenden Männern weiter.

Ich bin einer davon; wir binden die Wurst dreimal an jedem Ende mit Faden und machen daraus eine Schleife. Bald werden die Würste an der Schleife zum Lufttrocknen aufgehängt, also die Bindungen sollten straff und stabil sein. Wir schneiden die Strähne ab und legen die Würste auf zarte Weise in einen Eimer ein. Eine Frau kommt gelegentlich vorbei und wuselt wieder weg, Eimer in der Hand.

Wir machen viele Sätze von Wurst, immer weiter bis der Metzger sagt, wir sollten jetzt zu Blutwurst wechseln. Das Blut hat einen starken, eisernen Beigeschmack und überkräftigt und verfärbt alles was es berührt, also die Blutwurst wird jetzt der allerletzte Schritt. Der Metzger kippt einen Eimer voller Schweineblut in den von den Fleischüberresten gefüllten Trog, und aus dem Gemetzel löffelt das Fleisch wieder in die Wurstpresse herein. Wir müssen dieses Mal gekauften Kunstdarm, weil unser natürlicher Schweinedarm alle ist.

5. Gut geschlachtet

In der Werkstatt, wenden wir Männer noch ein paar Stunden für das Wurstbinden und Saubermachen auf, während die Frauen den Hof säubern. Die Stimmung ist jetzt wenig heiter, keiner schwätzt mehr rum, wir sind schon müde und wollen einfach fertig damit sein. Der Alkohol hilft uns jetzt, über die Langweile hinwegzukommen. Nach zwei Stunden akribisches Wurstbinden im nahezu Stillen machen wir Schluss.

Als wir leicht angeheitert aus der Werkstatt stolpern, finden wir den Hof picobello. Ich schaue mich verwundert um. Hätte ich Knochenreste und Blutlachen erwartet? Aber es gibt keinerlei Spur mehr, dass heute Morgen ein lebendes Tier geschlachtet wurde. Es müsste die Frauen gewesen sein.

Vor einem Jahr hatten meine Schwiegereltern mich zu einem Schlachtmuseum geführt, was meine Schaulust schon damals gereizt hatte. An der Wand hing eine Tafel, worauf ein uralter deutscher Spruch stand:

Gut gefrühstückt, hält für den ganzen Tag,

Gut geschlachtet, hält für's ganze Jahr.

Gut geheiratet, hält für's ganze Leben,

Gut gestorben hält für die Ewigkeit.

Die frostige Luft rauschelt und an diesem schnell verdunkelnden Januarabend sieht man nur noch Nebelschwaden, die vom frisch abgewischten Kopfsteinpflaster hochschweben. Ein paar Minuten später sind die Wölkchen weg, und wir finden uns wieder als wir begannen, im Dunkeln.

Früher dachte ich, die Hausschlachtung sei ein Relikt. Im Ganzen ist es noch, aber im Dorf überleben die alten Sitten. Ich bin zwar stolz, mir ein gutes Jahr mit eigenen Händen abgesichert zu haben, und allen dankbar für die Möglichkeit.

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